Ein Sommermärchen…

Earl’s Lane – Ein zu Hause in der Natur und für die Natur.

Schon beim Bau von Earl’s Lane waren wir bemüht, einen Rückzugsort für Mensch und Tier zu erschaffen. Wir empfanden uns schon damals als privilegierten Gast in der Natur und somit verpflichtet, beim Umbau der ehemaligen Hofstelle so viel zurückzugeben, wie nur möglich ist. So schufen wir an den Gebäuden unzählige Nisthilfen und Rückzugsmöglichkeiten für Insekten Singvögel, Fledermäuse und vor rund drei Jahren schließlich noch einen Turmfalkenbrutplatz.

Schon im ersten Jahr hatten wir das große Glück, ein Pärchen Turmfalken bei der Aufzucht von  4 kleinen “Rackern” beobachten zu können. Es gab zwar einige “Rivalitäten” um den sonnigen Südgiebel des Wohnhauses mit einem ausgesprochen großen Bienenvolk, welches sich in der Dämmebene der Hauswand einrichtete. Aber man fand offensichtlich ein “Arrangement” auf beiden Seiten. Zumindest wurde der Turmfalkennachwuchs offensichtlich unbeschadet groß und schließlich flügge. Auch im darauffolgenden Jahr bekamen wir wieder 4-fachen Nachwuchs. Die milden Winter der letzten Jahre sorgten auf unserer Hauswiese für ein schier unerschöpfliches Mäuseangebot, von dem nicht nur die Aufzucht während der Brutsaison, sondern auch ein sicheres Überleben im Winter garantiert wurde.

Dann allerdings folgte der Februar dieses Jahres. 60cm Schneelage über mehrere Wochen und Temperaturen bis -20°C. Für Nahrungsspezialisten, wie Eulen und Turmfalken begann der Kampf ums Überleben. Zwar schoben wir die Weide hinter unserem Haus mit dem Trecker flächig frei, damit die Greifvögel zumindest eine Chance hatten, Mäuse zu finden; was allerdings nicht besonders gut funktionierte, da sich die Mäuse lieber unter der wärmenden Schneedecke bewegten.

Für Bussarde und einige daheimgebliebene Rotmilane fütterten wir schließlich Rind- und Wildfleischreste von Bauernhöfen/Jägern aus der Region, was so gut angenommen wurde, dass zeitweise mehr als ein Dutzend Bussarde gleichzeitig zu Gast waren.

Turmfalken allerdings, sind nur sehr schwer von “Mäusealternativen” zu überzeugen und häufig bedeutet die extreme Fokussierung auf die Mäusejagd den sicheren Tod in Notzeiten, wie wir sie im vergangenen Winter vorfanden. Einige Vögel ziehen mitunter zumindest vorübergehend in schneeärmere Regionen, andere verhungern oder erfrieren.

Während wir unseren Turmfalken – Mann gar nicht mehr zu Gesicht bekamen, blieb uns “sein Mädchen” treu, worüber wir uns einerseits freuten, andererseits aber befürchteten, Ihr hilflos beim Verhungern zusehen zu müssen.

Sie hat jeden Abend auf der Mittelpfette am Haus übernachtet. Wir haben Ihr ein paar Fleischstücke auf die Pfette gelegt, welche sie schließlich angenommen hat.

So vergingen lange Wochen und unser Tagesablauf war geprägt vom ständigen Schneeschaufeln und dem Auftauen und Ausbringen von Futter, welches bei den extremen Minusgraden in Kürze wieder steinhart durchfror. Zur Mitte des Monats Februar wurde es endlich wärmer. Der Schnee ging – unsere Turmfalken Dame überlebte und blieb. Der Frühling kam. Auch viele “unserer” Meisen, Rotkehlchen, Amseln, Kleiber, Spechte, Gimpel, Eichelhäher und sogar ein paar verfrühte Stare konnten wir wohl über die harten Wochen durch Zufütterung von Rindertalg und Körnermischungen bringen; und mancher Mäusebussard hätte ohne Hilfe das nächste Frühjahr kaum mehr erlebt.

Wer jedoch fehlte, war unser Turmfalken-Terzel (Mann). Tage und Wochen verstrichen. Aber wir haben trotzdem das Turmfalken-Nest am Giebel aufgeräumt und neu mit Hackschnitzeln und Moos eingedeckt und hofften weiterhin auf die 3. Brut im 3. Jahr.

Die letzten Jahre wurde schon etwa ab Mitte März „Falken-Hochzeit“ gefeiert. Aber dieses Jahr saß unsere Dame jeden langen Tag auf dem Schornstein und hielt Ausschau – vergeblich. Weitere Tage vergingen, jedoch ließ sich Ihr Partner nicht blicken. Sie allerdings blieb unglaublich hartnäckig und wartete – als ob Sie sagen würde „Ich weiß, er wird kommen!“. Wir hatten mittlerweile kaum noch Hoffnung, da wir schon recht weit im Jahr waren.

Es war sonniger Morgen Ende März; Christian kam ungewöhnlich gut gelaunt von der Fütterung aus unserem Wildgehege ins Haus und ermunterte mich, bei diesem traumhaften Wetter mal aus der Tür zu schauen. Ich hatte schon in gewohnter Weise meinen Arbeitsplatz am Computer bezogen, folgte allerdings der Aufforderung meines Mannes, der schmunzelnd in der offenen Haustür stand: “Sieh mal zur Pappel!”. Das tat ich und kommentierte meinen Blick mit der Bemerkung, dass da unsere Falken Dame in gewohnter Weise die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne genoss. Mein sehnlichster Wunsch dieser Tage war, dass sie so viel Glück wie ich haben möge, Ihr Leben stets an der Seite Ihres treuen Gefährten verbringen zu dürfen. Ich hatte meinen Blick schon wieder resignierend abwenden wollen, als ich gerade noch im Augenwinkel die nebenan stehende kleine Pappel mit einem zweiten Turmfalken bemerkte. Es dauerte wohl nur den Bruchteil einer Sekunde und mich durchfuhr ein unbeschreibliches Glücksgefühl; Ich gab mir gar nicht erst die Mühe meine Freudentränen zu unterdrücken – er war zurück und saß kaum ein paar Meter von Seiner Partnerin entfernt, als wäre alles wie immer…

Unserer Falken-Dame hat man Ihr Glück förmlich angesehen – wie sie „keckernd“ am Himmel flog. Es wurde wieder Falken – Hochzeit in Earl’s Lane gefeiert!

Im Mai ging es dann los – im 3. Jahr tatsächlich eine 3. Brut!  Anfang Juli erblickten wieder 4 kleine Federknäuel das Licht der Welt.

Ein Sommermärchen!

Trocken und geschützt konnten Sie aufwachsen und unternahmen Ihre ersten Flugversuche auf unser Dach oder die Kastanie. Die angrenzenden Wiesen bieten die perfekte „Jagdschule“ für ihr weiteres Leben.

Nun sind sie bereits ausgeflogen, aber ab und an schläft einer noch im Nest oder auf der Pfette am Haus. Wir sehen Sie über die Wiesen fliegen und hören Sie rufen.